Ausschnitt aus "Der Klapperstorch" von Carl Spitzweg
(pd )
Man sagt dem Meister Adebar derart familienfreundliche Eigenschaften nach, dass manche Frau versucht ist, ihn zum Ehemann des Jahres zu küren. Ob er diese Ehre verdient, wird sich noch zeigen, denn um kaum einen anderen Vogel ranken sich so viele Märchen und Legenden. Er hat aber ganz besondere Qualitäten, wie schon Wilhelm Busch wusste: »Wo kriegten wir die Kinder her, wenn Meister Klapperstorch nicht wär?«
Warum gerade er? Natürlich: Der Storch ist heute vielerorts eine Rarität, aber den Seltenheitsbonus teilt er sich auch mit anderen Tieren, etwa mit dem auch nicht gerade unbeliebten Maikäfer. Doch im Gegensatz zu diesem – klein, braun, dick und gefräßig – verfügt der Storch über ein höchst angenehmes Äußeres: schmaler, langer Hals, lange Beine, die ihm graziöse und majestätische Bewegungen gestatten, und ein Gefieder, als ginge er ständig im Frack.
Aber es ist auch der für den Menschen so lange unerreichbare Lebensraum Luft, der die Vögel als Repräsentanten des Überirdischen erscheinen lässt. Bei den Germanen galt der Storch als Götterbote. Er flog der Göttin Holda voran – die im Märchen als Frau Holle weiterlebte. Zudem tritt der Storch nicht als Nahrungskonkurrent für den Menschen in Erscheinung. Er vernichtet, ganz im Gegenteil, seit Jahrhunderten zuverlässig die uns lästigen Frösche, Schlangen und Eidechsen. Und er ist treu, zumindest was Hof und Nest betrifft.
Wenn Klima und Nahrungsangebot es erlauben, kehrt er Jahr für Jahr wieder auf dasselbe Dach zurück. Dort schützt er vor Blitz und Donner, wovon er sich selbst kaum beeindrucken lässt, und bringt dem ganzen Hause Glück. Die Bindung an Heim und Hof bedeutet jedoch nicht, dass er es mit der ehelichen Treue genauso hält. Der Storch ist keineswegs monogam, wenn auch die Legende anderes erzählt: »Man liest auch, dass die Storcken Ihrer Weibern Ehebruch über die Maßen hassen, und grewlich straffen ... dass er sie demnächsten grimmiglich zutodt gebissen unnd über das Nest hinausgeworffen«, berichtet im 18. Jahrhundert das Luzerner Stadtbuch. ...