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P.M. Biografie 01/2010
Dat war sein Milljöh
Heinrich Zille

So golden waren sie gar nicht, die „Goldenen Zwanziger Jahre“. Keiner dokumentierte das akribischer als Heinrich Zille. Säufer, Huren und Arme-Leute-Elend verewigte er mit dem Zeichenstift – und die, denen es an nichts fehlte, erfreuten sich daran.

Verschüchtert kauert der zwölfjährige Heinrich auf einer Kiste. Ein voluminöser Hintern sitzt ihm buchstäblich im Nacken. Die dazugehörige Dame hat die Bettdecke gelupft – wahrscheinlich, um kurz Dampf abzulassen. Doch das fällt dem Jungen in dem von Parfümschwaden und Schweißgeruch erfüllten Raum kaum auf. Er starrt gebannt auf fünf mehr oder minder nackte Frauen, die lauthals zu Klavierbegleitung trällern. Selbstbewusst recken und strecken sie dabei Speckröllchen, schwere Brüste oder knochige Fesseln. „Der Vertraute und Laufjunge der Kapelle war ich“, erinnert sich Heinrich Zille ein halbes Jahrhundert später. „Trug Briefe weg, schleppte den mit Kostümen vollgestoppten Reisekorb nach den Bahnhöfen oder in einen neuen Tingeltangel-Keller Berlins. Auf das Packen des Korbes musste ich immer warten und mir die Zeit beschaulich ausfüllen. Halbnackend, beim Waschen und Ankleiden übten sie noch das neue Programm. Damals waren mir die Sängerinnen angezogen lieber. Die dunklen Flecken auf Brust und Leib waren mir Schönheitsfehler. Am besten gefiel mir die Thusnelda, vor allem, wenn sie auf hohem Velociped sonntags nach dem Tiergarten gondelte.“

Schon früh übt sich der Knirps in seiner künftigen Rolle. Als genauer Beobachter der Berliner Halbwelt zwischen Bedürftigen-Asyl, Bordellen und Bumslokalen. Als Künstler, der die Schattenseiten der rapide wachsenden Hauptstadt mit ein paar Worten oder Strichen festhält. Als Gefühlsmensch, der in dem Morast des allgemeinen Elends doch noch einige Sumpfblüten der Schönheit entdeckt. Kritiker verspotten ihn als Rinnstein-Raffael oder Mansarden-Michelangelo. Doch bereits vor seinem Tod am 9. August 1929 sind Zille und sein Milljöh zum Mythos geworden. Bis heute feiert Berlin dieses eigentlich von Ausweglosigkeit und Armutskriminalität bestimmte Tableau in nostalgischen Kitsch-Revuen, Theaterstücken und geführten Kneipentouren. Da posieren leicht bekleidete Gören neben Leierkastenmännern und Luden mit Ballonmützen und amüsieren die Gäste mit kecken Sprüchen Marke Berliner Schnauze. Unterdessen stochern japanische Touristen in den zu „Zille-Tellern“ arrangierten Buletten, Bratkartoffeln, Sülze mit Remouladensauce oder Eisbein mit Sauerkraut. Und prosten sich kichernd mit „Zille-Bier“ oder „Weiße mit Schuss“ zu.

Autor(in): Bernd Herbon

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