Nichts scheint beim Nacktmull normal zu sein: Er ist immun gegen Krebs, kennt keinen Schmerz, organisiert sein Volk wie Insekten und manipuliert das Geschlecht seiner Nachkommen. Ein hässlicher Winzling mit vielen Facetten.
Tropische Schwüle lastet auf dem Berliner Laborraum: 27 Grad Celsius, 60 Prozent Luftfeuchtigkeit. Die haarlosen Tierchen, die hier im Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) leben, mögen es heiß und feucht. Dutzende mauskleine Nacktmulle wuseln durch ein Röhren- und Kammersystem aus Plexiglas. Die Nager sind ständig in Bewegung, laufen mal vorwärts, mal rückwärts, klettern übereinander oder quetschen sich aneinander vorbei. Schön sind sie wirklich nicht. Mit ihrer Schrumpelhaut und den herausstehenden Nagezähnen gelten Nacktmulle als die hässlichsten Tiere überhaupt – eine Zielscheibe für beißenden Spott. »Penisse auf vier Beinen« hat man sie schon genannt, »Säbelzahnwürstchen« oder »unterirdische Walrossbabys«. Der britische Zoologe Alfred Russel Wallace tat sie vor über hundert Jahren wegen ihrer »ungewöhnlichen Hässlichkeit« sogar als evolutionäre Sackgasse ab. Hätte ihm jemand gesagt, welche Karriere die Tierchen einmal machen würden, er hätte gestaunt.
Zu Russels und Darwins Zeiten wussten Biologen noch herzlich wenig über Nacktmulle. Manche glaubten nicht einmal an ihre Existenz, sondern hielten sie für Babys einer größeren behaarten Art. Die kleinen Säuger blieben den Naturforschern lange ein Rätsel, weil sie wie Maulwürfe unter der Erde leben. Ihr Lebensraum ist das Horn von Afrika mit seinen unwirtlichen Halbwüsten. Alles, was man dort von ihnen zu sehen bekommt, sind bleistifthohe Erdhügel – Biologen sprechen von »Vulkanen“ –, die die Mulle bei ihrer unermüdlichen Buddelei aufwerfen. Erst Mitte des letzten Jahrhunderts kamen Details ihrer Lebensweise ans Licht. Und 1980 folgte dann die Sensation, als die Südafrikanerin Jennifer Jarvis herausfand, wie skurril die Tiere zusammenleben.