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Walpurgisnacht
Goethes wilde Satansmesse

Ausschnitt aus "Zwei Hexen" von Hans Baldung, genannt: Grien
(pd)
Schon die Druckausgabe von Goethes »Faust« enthält Stellen, die man aus Scham überlas. Doch ursprünglich hatte der respektable
Geheimrat noch viel Unzüchtigeres im Sinn.

von Stefan Primbs

Also – prüde war Goethe wahrlich nicht, das merkt man beim Lesen seiner Werke. Aber seine Leser waren es. Und weil der »geheime Rat« das wusste und Scherereien hasste, ließ er einfach anstelle obszöner und unflätiger Wörter Striche drucken. Dann war jeder selbst schuld, wenn er sich etwas Unanständiges dabei dachte. »Anstandsstriche« sagt man dazu, und im »Faust« gibt es davon etliche, vor allem in der Szene »Walpurgisnacht«. Denn in diesem Werk geht es – auch – um handfesten »Sex« und nicht nur um die Befindlichkeiten des alternden Gelehrten, der dem Stück den Namen gab.

Der "echte" Dr. Faust

Den Doktor Faust hat Goethe übrigens nicht erfunden. Es gab ihn wirklich: Tatsächlich hieß er Georg und verdiente um 1500 auf Jahrmärkten mit Zauberkunststücken und Horoskopen sein Geld. Seinen berüchtigten Namen verwendete dann um 1580 ein unbekannter Autor – vermutlich ein protestantischer Prediger – für seine »Historia von Dr. Johann Fausten, den weitbeschreiten Zauberer und Schwarzkünstler«. Das ist die mit lustigen Schwänken durchsetzte Geschichte eines Gelehrten, der einen Pakt mit dem Teufel schließt, um Ruhm, magische Fähigkeiten und die schönste Frau der Welt zu gewinnen. Am Schluss, und das sollte den Lesern eine Warnung sein, holt ihn samt Weib und Kind der Teufel.

Von da an macht Faust Literaturgeschichte: Shakespeares genialer, mit 29 Jahren im Wirtshaus erstochener Konkurrent Christopher Marlowe dichtete kurz darauf ein englisches Faust-Drama. Herumreisende Puppenbühnen nahmen sich des Stoffes an und bereiteten ihn mit Hanswurstiaden auf. Auch der junge Goethe ist beeindruckt von einer dieser volkstümlich derben Aufführungen für Erwachsene. Dass nach 1750 – angestachelt von Lessing – unter den Literaten eine Art Wettbewerb um das beste Faust-Stück entbrannte, kann ihn nur angespornt haben, sich selbst an den vertrackten Stoff zu wagen, von dem nur eines klar war: Jetzt, um 1770, wo kein aufgeklärter Mensch mehr an Teufelsbündner und Hexen glaubte, musste man ganz anders an die Sache herangehen. Bloß wie?

Eine Wette zwischen Gott und Teufel

Goethe arbeitete von den frühen 1770er-Jahren bis kurz vor seinem Tod (1832) an diesem Stoff. Was am Ende herauskam, gilt als das großartigste deutsche Drama überhaupt – trotz oder vielleicht sogar wegen der vielen darin enthaltenen Widersprüche und Ungereimtheiten. Sie erklären sich aus den Jahrzehnte auseinander liegenden Schaffensphasen, in denen einzelne Abschnitte des Dramas entstanden. Notdürftig zusammengehalten werden die unterschiedlichen Teile des Faust I (gedruckt 1808) und Faust II (1833) durch einen schriftstellerischen Kunstgriff zu Beginn des Dramas: Eine Wette zwischen einem Teufel – Mephisto(pheles) – und Gott selbst. Es geht um die Seele des Gelehrten Heinrich (so nun der neue Vorname) Faust. Der Teufel soll sie haben, wenn er Faust vom rechten Weg abbringt.

Die Sache steht zunächst gut für den Bösen: Faust, ein frustrierter Gelehrter, der verzweifelt wissen will, »was die Welt im Innersten zusammenhält«, überschreibt ihm freiwillig die Seele – unter einer Bedingung, nämlich, dass der Teufel ihn glücklich und zufrieden macht: »Werd’ ich zum Augenblicke sagen:/Verweile doch! du bist so schön!/Dann magst du mich in Fesseln schlagen,/Dann will ich gern zugrunde gehn!«

Mephisto ist zunächst nicht bang – wäre doch gelacht, wenn er, der Meister der Illusionen, den alten Mann nicht zufrieden stellen könnte. Doch die Sache ist nicht so einfach. Denn der Ursache für Fausts innere Unruhe, sein fehlender Seelenfrieden, ist mit Illusionen nicht beizukommen. Es ist das Problem des modernen Menschen der Goethezeit überhaupt, des Menschen, der seine naive, vom mittelalterlichen Glauben bestimmte Weltsicht verloren hat.

Was gibt dem Leben Sinn?

Dem volksfrommen Gläubigen sagte noch die Tradition, dass Gott die Welt zusammenhält und dass im Glauben der Sinn des Lebens liege. Der moderne Mensch musste seinen Sinngeber – also eine »Ersatzreligion« – selber suchen. Im Faust führt Goethe, ein getaufter Protestant, verschiedene Möglichkeiten von »Ersatzreligionen« vor. Da ist einmal die Wissenschaft. Sie fällt allerdings schon zu Beginn des Dramas aus, als Faust nach dem Studium aller gängigen Fächer feststellt: »Da steh ich nun, ich armer Tor/Und bin so klug als wie zuvor.«

Es sind drei weitere mögliche Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, die Goethe nun – unterbrochen von heiteren, kommödiantischen Episoden – am Beispiel Fausts durchspielt: Erstens ist es die enthusiastische Liebe samt ekstatischer Sinnlichkeit; die zweite mögliche Antwort – und da sind wir schon im Faust II – ist die Schönheit beziehungsweise Kunst (auch da gibt es übrigens eine »Walpurgisnacht« – allerdings bevölkert mit antiken, heidnischen Sagengestalten, weshalb sie »klassische Walpurgisnacht« heißt); die dritte mögliche Antwort nach dem Sinn sucht Faust in der »Tat«, im aktiven, arbeitsamen Leben. In diesem letzten Teil verhilft Mephisto seinem Faust zu einem Posten, bei dem er einen großen Uferstreifen des Meeres trockenlegen kann. Für die Schönheit steht Fausts harmonische Beziehung zu der schönen Helena; und für die vermeintliche Erfüllung in Liebe und Sexualität im Faust I steht das tragische Verhältnis mit dem frommen Gretchen.

Der Trick mit der "ewigen" Liebe

Als Kuppler zwischen dem gelehrten Lustgreis Faust und dem schüchternen Teenager fungieren in den Szenen vor der Walpurgisnacht neben Mephistopheles: Eine lebenslustige Witwe in Gretchens Nachbarhaus sowie ein paar Hexen, die dem alten Faust ein Lifting verpassen, sodass er wieder wie ein junger Mann aussieht. Auf der Straße macht der Verjüngte Gretchen an, und im Garten der Witwe schwört er ihr »ewige Liebe« – Faust meint damit seine »ewig« starken Gefühle und nicht, dass sie endlos dauern würden – was das Mädchen offenbar nicht versteht. So fasst sie Fausts Schwur als eine Art Heiratsversprechen auf.

Gretchen lässt sich jedenfalls verführen und muss bitter dafür büßen: Sie wird ledig schwanger, ihre Mutter stirbt an dem Schlafmittel, das sie dieser gegeben hatte, und Faust tötet im Duell auch noch ihren Bruder Valentin, der die Ehre seiner Schwester rächen wollte. Faust muss fliehen, Gretchen ist verzweifelt – und das ist die Stelle, an der die Walpurgisnacht einsetzt: die hemmungslose Sexorgie am Blocksberg.

Die Verführungen des Teufels

Goethe will damit die leidenschaftlich-körperliche Seite der Liebe zeigen. Hexen gehörten von Natur aus jener Sphäre des unbändigen Magisch-Sexuellen an, jener verkehrten Welt – in der es statt um Liebe und Barmherzigkeit um (und das sind die Verführungen des Teufels) bloßen Sex und Geld geht. Die sich steigernde Szene ist gespickt mit opernhaften und kabarettistischen Szenen, mit Gesangs- und Tanzeinlagen. Doch bevor Faust der Leidenschaft verfällt, hält ihn eine schreckliche Vision zurück: Gretchen an der Richtstätte. Vergeblich versucht Mephisto, ihn abzulenken. Und nach der Walpurgisnacht wird Faust klar: Gretchen hat aus Verzweiflung auch noch ihr Kind getötet und wartet auf ihren Henker.

Selbstzensur bei Satansmesse?

Nun ist schon die in den gewöhnlichen Ausgaben des Faust I abgedruckte Version der Walpurgisnacht ziemlich deftig – deshalb auch die oben erwähnten Striche, vor allem auch für die Bezeichnungen der Geschlechtsorgane. Doch zu Lebzeiten Goethes unveröffentlichte Handschriften zeigen, dass der Geheimrat noch Schärferes auf Lager hatte: eine regelrechte Satansmesse mit Ausdrücken, die man eher an den Wänden verwahrloster Bahnhofstoiletten als zwischen den edlen Buchdeckeln einer Klassikerausgabe vermuten würde. »Die Klugheit und die Liebe zum Frieden«, wie er sagte, hatten ihn veranlasst, diese Notizen und Entwurfteile zum Faust nicht drucken zu lassen.

Ob er sie tatsächlich bis zuletzt in den Faust einarbeiten wollte und dann doch einfach zu feige dazu war, oder ob diese Skizzen auch inhaltlich nicht mehr in sein letztgültiges Faust-Konzept passten, ist in der Wissenschaft heiß umstritten. Albrecht Schöne, Herausgeber einer der maßgeblichen Faust-Editionen unserer Tage, ist überzeugt, dass diese Entwürfe eigentlich in den Faust gehörten. Deshalb hat er aus der Druckfassung und den Entwurffetzen eine »Bühnenversion« zusammengestellt, die versucht, Goethes Absicht näher zu kommen, als dies der üblichen Fassung gelingt.

P.M. HISTORY druckt Höhepunkt und Ende aus der von Goethe freigegebenen Version der »Walpurgisnacht« und Passagen aus Schönes rekonstruierter Fassung mit der Satansmesse im Vergleich. Hinweis: Wo die nach Schönes Meinung ohnehin entschärfte Druckfassung Anstandsstriche hat, ist hier der Text der Handschrift in eckigen Klammern wiedergegeben.

Wie man diese Stellen aussprechen soll, erfahren wir aus der »Zeitschrift für die elegante Welt«. Sie schlug 1808 – dem Erscheinungsjahr von Faust I – vor, bei solchen obszönen Worten einfach nur zu husten oder sie allenfalls zu lispeln. ...


Hinweis: die erwähnte schärfere "Bühnenfassung" der Walpurgisnacht finden Sie auszugsweise in unserem neuen Heft oder ganz in der Faust-Ausgabe von Albrecht Schöne




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Ausgabe 09/2010